Eine verlorene Kiste aber keine verlorene Hoffnung

Eine verlorene Kiste aber keine verlorene Hoffnung

Wie Best of Whiskies in den Besitz eines einzigartigen Pakets mit Amerikas „flüssiger Geschichte“ kam

Den Charleston Mercury gibt es seit den frühen 1800er-Jahren. Meine aus Charleston, South Carolina, stammende Frau Becky und ich schreiben seit 2007 unter dem Namen The Whisky Couple eine monatliche Kolumne über Whisky und Whiskey für diese Zeitung.

Wir verbringen einen Teil des Jahres in Charleston, normalerweise die Wintermonate. Im Laufe der Zeit haben wir in der „heiligen Stadt“, wie sie wegen ihrer vielen Kirchtürme und religiösen Konfessionen genannt wird, eine beachtliche Anhängerschaft gewonnen. Die Leute grüßen uns häufig auf der Straße, wenn wir unseren täglichen Spaziergang durch die Innenstadt unternehmen, um uns zu der Kolumne zu gratulieren, spezifische Fragen über Whiskey zu stellen und darum zu bitten, in einem der großen alten Häuser entlang der Battery eine Privatverkostung zu veranstalten.

Eines Jahres, wir waren gerade nach Europa zurückgekehrt, erhielt ich eine interessante E-Mail von einer gewissen Dame. Da sie darauf bestand, dass ihr Name nicht in unseren Texten erscheinen soll, werden wir sie von nun an Frau B. nennen. Sie schrieb:

Ich besitze eine ungeöffnete Flasche Special Old Reserve von The American Medicinal Spirits Company Incorporated. Auf dem Etikett steht Folgendes: Feiner, alter Bourbon Whiskey, hergestellt in Kentucky vor der Prohibition, mehr als 15 Jahre lang in den feinsten Eichenfässern gelagert und unter staatlicher Aufsicht speziell für die Aktionäre der National Distillers Products Corporation unter Zollverschluss abgefüllt. Hergestellt von Harry E. Wilken, Distillery No. 368, 5th District of KY. Ich lebe in Charleston und habe mit Interesse Ihre Artikel im Charleston Mercury gelesen. Ich freue mich darauf, eventuell mit Ihnen zu reden.

– Frau B.

Während ich ihre E-Mail las, stellten sich die Haare auf meinen Armen auf. Das klang zu schön, um wahr zu sein. Echter Bourbon aus der Zeit vor der Prohibition? Für medizinische Zwecke? Viele Whiskey-Liebhaber kennen die Geschichte des Whiskys als Medizin während der Prohibition, aber sollte es aus dieser Zeit noch Flaschenware geben? Abgefüllt im Alter von 15 Jahren, aber vor über einem Jahrhundert hergestellt. Wow! Ich konsultierte mein Archiv und fand dank Sam Cecils ausgezeichnetem Buch über die Geschichte des Bourbons in Kentucky (neben anderen Quellen) verschiedene Bruchstücke, die mir halfen, das Rätsel zu lösen.

Nach einigen Wochen meldeten wir uns ordnungsgemäß bei Frau B.:

Sehr geehrte Frau B.,

schön, von Ihnen zu hören. Wir haben einige Bücher in unserer Bibliothek konsultiert und können Ihnen nun ein wenig mehr über die Herkunft Ihrer Flasche erzählen.

Die Ursprünge gehen auf das Jahr 1872 zurück, aber zu dieser Zeit gehörte die Brennerei, in der später Ihr Whiskey hergestellt werden sollte, noch zur Newcomb-Buchanan-Gruppe, die in Kentucky vier Brennereien errichtete: Anderson, Nelson, Buchanan und Graystone. Letztere brannte im Juli 1890 ab und wurde als „Elk Run“, RD #368, wieder aufgebaut. Mehrere neue Aktionäre kamen hinzu und vergrößerten die Brennerei. Gegen 1911 war sie eine der größten Brennereien in Kentucky. Zu dieser Zeit war Herr Harry Wilkin der Direktor.

Elk Run füllte die folgenden Marken in Flaschen ab: Anderson, Nelson, Buchanan, Slocum, Jefferson, Jackson, US Club und Elk Run. Sie produzierten auch für Dritte unter dem Namen „Regan und Imorde“. Während der Prohibition wurden die Gebäude als Brennhäuser genutzt. Glücklicherweise wurde die Anlage nicht zerstört, und nach der Prohibition wurde die Produktion von Elk Run wieder aufgenommen. Ein Teil der Gebäude wurde an Herrn Amil Klempner verkauft, der auf dem Grundstück einen Schrottplatz errichtete, der noch um 2001 von den Gebrüdern Klempner betrieben wurde. Mitte der 1980er-Jahre schloss National Distillers die Anlage und die Gebäude wurden für andere Verwendungszwecke umgebaut.

Bei dem Whiskey in Ihrem Besitz handelt es sich höchstwahrscheinlich nicht um eine der üblichen Marken von Elk Run, sondern um eine speziell für Aktionäre abgefüllte Charge. Diese Praxis wird in anderen Brennereien schon seit langem praktiziert und setzt sich auch im 21. Jahrhundert fort. Ihr Whiskey ist jedoch etwas ganz Besonderes, nicht nur, weil er so lange überlebt hat, sondern auch, weil er vor der Abfüllung 15 Jahre lang gereift ist. Das ist ziemlich selten. Die meisten Bourbons werden nach vier bis acht Jahren in Flaschen abgefüllt. Sie könnten einem 21-jährigen Pappy van Winkle oder einem 18-jährigen Elijah Craig begegnen, aber diese Abfüllungen erfolgten alle nach der Prohibition.

Anfang nächsten Jahres werden wir wieder für einige Zeit in Charleston sein. Es wäre uns eine Ehre, Sie persönlich kennenzulernen und einen Blick auf Ihre Flasche zu werfen. Wenn sie echt ist, besitzen Sie etwas sehr Seltenes und Wertvolles.

Mit freundlichen Grüßen
Hans und Becky Offringa, The Whisky Couple

Offenbar hatten wir ihr Interesse geweckt. Innerhalb eines Tages erhielten wir eine Antwort.

Sehr geehrter Herr Offringa,

vielen Dank für Ihre Antwort auf meine E-Mail und die Hintergrundinformationen über die Brennerei. Ich hatte vergessen, das Datum auf dem Papieretikett zu erwähnen, das den Deckel der Flasche versiegelt. Es lautet: Destilliert im Herbst 1917 – abgefüllt im Herbst 1932.
Ich wohne in der Innenstadt und würde Ihnen nach Ihrer Rückkehr gerne die Verpackung und einige leere Flaschen zeigen. Mein Sohn wohnt in der Nähe und bewahrt die ungeöffnete Flasche auf. Vielleicht lässt er sich überreden, sie zu öffnen, damit Sie ihn verkosten können.

Ich freue mich sehr darauf, Sie im Januar kennenzulernen.

Mit freundlichen Grüßen,
Frau B.

Im Anhang ihrer E-Mail befanden sich ein paar Bilder, die eine leere Flasche und ihre Verpackung zeigten. Ich studierte das Etikett und bemerkte, dass der Inhalt tatsächlich während der Prohibition abgefüllt wurde, daher die Erwähnung von „medizinischen Zwecken“ auf dem Etikett. Allmählich wurde es wirklich interessant. Wenn ihr Sohn sich zu einer Zusammenarbeit entschließen würde, würden wir vielleicht etwas ganz Besonderes kosten können. Ich ließ das Ganze einige Tage lang sacken und antwortete Frau B. dann wie folgt:

Liebe Frau B.,

Interessante Bilder. Es könnte sein, dass die American Medicinal Spirits Company speziell für diese Art der Abfüllung gegründet wurde. Eine ausgezeichnete Möglichkeit, unerwünschte Einmischungen der damaligen „trockenen“ Regierung zu umgehen. Wissen Sie zufällig, wie diese Flasche in den Besitz Ihrer Familie gelangt ist?

Mit freundlichen Grüßen
Hans

 

Die offizielle Einladung und Verkostung

Es dauerte nicht lange, bis Frau B. mit einer sehr langen Geschichte antwortete, begleitet von einer offiziellen Einladung, sie im kommenden Winter zu besuchen.

Am 9. Januar 2012 trafen wir uns schließlich, begleitet von dem Herausgebers des Charleston Mercury und seiner Gattin. Nachdem sie uns herzlich empfangen und uns ihren Sohn vorgestellt hat, den wir Herr B. Junior nennen werden, drückte sie mir eine volle Flasche Bourbon in die Hand und zeigte auf sechs Gläser. „Würden Sie uns die Ehre erweisen, die Flasche zu öffnen und uns ein Dram einzuschenken?“

Ich zögerte und fragte: „Sind Sie sich da wirklich sicher?“ Mutter und Sohn nickten beharrlich, woraufhin ich den Metallverschluss abzog, um das „Pint“ (Flaschengröße, etwa 0,5 Liter) zu öffnen. Vorsichtig goss ich die dunkle bernsteinfarbene Flüssigkeit in die sechs Gläser und präsentierte sie den Anwesenden. Feierlich erhoben wir unsere Gläser – alle erkannten den besonderen Augenblick – und stießen mit den Worten „Möge es nie wieder eine Prohibition geben!“ an.

Die Nase gab sofort Aromen von Gewürznelken und Muskatnuss frei, der Geschmack war würzig mit einem Hauch von weißem Pfeffer und der Körper war für einen Whisky dieses Alters extrem mild. Schweigend schluckten wir die Flüssigkeit und dachten über das Ereignis nach. Der Abgang erinnerte mich an Lorbeerblätter und Lakritze. Dann begann Frau B. die Geschichte zu erzählen, wie die Flasche in den Besitz ihrer Familie gelangte. Wir setzten uns hin und hörten zu. Ich notierte mir Folgendes:

Im Jahr 2006 verstarb der Ehemann von Frau B. im hohen Alter. Herr B. muss ein ziemlich interessanter Charakter gewesen und aus einer langen Linie von B.s hervorgegangen sein, die seit zwölf Generationen in Charleston lebten, während der Stammbaum der mütterlichen Seite der Familie bis zu den Mayflower-Pilgern zurückreichte.

Herr B. wuchs in Tennessee auf und besuchte ein Internat in Massachusetts. Danach studierte er Meeresbiologie an der University of Virginia (zufälligerweise studierte meine Frau Becky auch Meeresbiologie, allerdings viele Jahrzehnte später am College of Charleston).

Herr B.s Hobby und Leidenschaft war der Autorennsport, und er verfügte über eine umfassende Kenntnis über deutsche Sportwagen. Der Zweite Weltkrieg unterbrach seine Karriere und er wurde von Cape Cod eingezogen. Da er ein Experte für Funkkommunikation und zudem polyglott war, wurde er dem Geheimdienst zugeteilt. 1940 wurde er nach Europa geschickt, lange bevor die USA nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor offiziell in den Krieg verwickelt wurden. Er gehörte zu den Kräften, die Ende 1945 Maastricht im Süden der Niederlande befreiten. Die amerikanische Armee behielt ihn eine Zeit lang in Europa, da sie seine besonderen Fähigkeiten nach Kriegsende in Potsdam brauchte.

1946 kehrte Herr B. nach Cambridge, Massachusetts, zurück und wurde einer der Gründer eines lokalen Rundfunksenders. 1950 wurde er vom prestigeträchtigen Lincoln Laboratory des Massachusetts Institute of Technology (MIT) eingeladen, um den Rest seines Berufslebens der Entwicklung der Satellitenkommunikation zu widmen. In dieser Zeit lernte er nicht nur Frau B. kennen, die aus Boston stammte, sondern auch ein Ehepaar aus Cape Cod. Der Ehemann hatte in der Whiskyindustrie gearbeitet und Anteile an einer Brennerei erworben. Als die Prohibition im Dezember 1933 aufgehoben wurde, wurde dieser Mann in Naturalien bezahlt, da in der Firma kein Geld vorhanden war, und erhielt am Ende zahlreiche Kisten Whiskey (eine Kiste enthält 24 Pints, etwa 12 Liter pro Kiste). Viele Jahre lang genossen die vier Freunde eine Flasche nach der anderen, besonders als Herr und Frau B. in ihrem eigenen Sommerhaus auf Cape Cod wohnten. Nachdem der Mann starb, blieben die B.s mit seiner Witwe befreundet, die bis ins hohe Alter von 100 Jahren (!) leben sollte.

Sie starb 1997, kurz, nachdem sie die letzten Kisten dieses exquisiten Bourbons an die B.s verschenkt hatte, die ihn weiterhin zu besonderen Anlässen genossen. Als Herr B. 2006 selbst starb und das Haus in Cape Cod geräumt wurde, stolperte sein Sohn, Herr B. Junior, über eine übersehene, ungeöffnete Kiste mit 24 Pints und einer Handvoll loser, ungeöffneter Flaschen. Er brachte sie nach Charleston und bewahrte sie im Haus seiner Mutter auf, wo sie wieder vergessen wurden. Im September 2011 fand Frau B. versehentlich eine volle Flasche im hinteren Teil eines Schranks. Als sie beschloss, den Schuppen in Ihrem Garten auszuräumen, entdeckte sie unter einer Staubschicht die ungeöffnete Kiste, die noch mit zwei stabilen Metalldrähten um den Pappkarton herum verschlossen war.

„Da ich immer Ihre Artikel im The Mercury gelesen habe, kam mir der Gedanke, dass Sie vielleicht mehr über die Geschichte dieser Marke wissen, und deshalb habe ich Ihnen vor einiger Zeit diese E-Mail geschickt“, beendete Frau B. ihre Geschichte.
Überrascht öffnete sich mein Mund: „Haben Sie die ungeöffnete Kiste noch in Ihrem Besitz?“

„Sicher, möchten Sie sie sehen?“, antwortete sie.

Und ja, da stand sie, im Hinterzimmer. Da es bereits zu dunkel war, um ein gutes Bild zu machen, beschlossen wir, dass ich am nächsten Tag wiederkommen würde. Die in diesem Artikel gezeigten Bilder wurden von mir am 10. Januar 2012 aufgenommen.
Frau B. trinkt heute kaum noch Whisky und hat mich gebeten, sie mit dem Ziel zu vertreten, die Kiste zu verkaufen; eine Ehre, die ich nicht ablehnen konnte.

Seitdem haben verschiedene Interessenten aus verschiedenen Ecken der Welt – von Australien bis Alaska und dazwischen – Angebote gemacht, die ich an Frau B. und Herrn B. Junior zusammen mit Ratschlägen, ob sie verkaufen sollten oder nicht, weitergeleitet habe. Da sie eine etablierte Familie mit einem uralten Stammbaum sind, ging es ihnen nicht nur um das Geld an sich; sie wollten auch einen Käufer, der ihnen gefällt und der etwas Besonderes mit der Kiste anstellen würde.

Den fanden sie in Best of Whiskies, dessen Vertreter Nils van Rijn die Kiste schließlich kaufte und sich im Laufe der Verhandlungen gut mit Herrn B. Junior anfreundete.

Best of Whiskies bat mich darum, zu garantieren, dass das gekaufte Produkt echt ist, was ich tat, indem ich ein speziell angefertigtes Zertifikat unterzeichnete, das bestätigt, dass es kein Imitat ist. Die 24 Flaschen stehen nun separat zum Verkauf, und die glücklichen neuen Besitzer erhalten mit ihrer Flasche ein unterzeichnetes und gestempeltes Zertifikat.

Die Holländer mögen New Amsterdam an die Amerikaner verkauft haben, die es in New York verwandelten, aber dieselben Holländer haben es Jahrhunderte später geschafft, eine echte und seltene amerikanische Flüssigkeitsgeschichte zu erwerben, und werden wissen, was sie damit zu tun haben!


Hans Offringa,
Zwolle – Mai 2020

Bilder: The whisky couple

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